Berichterstattung zum Waldumgang 2019 in der AZ vom 16.9.2019

Aargauer Holz wird nach China verkauft

von Frederic Härri - Aargauer Zeitung 16.9.2019

Der Waldumgang der Forstverwaltung Suhr-Buchs zeigte, zu welchen Massnahmen der desolate Holzmarkt führen kann.

Werner Lutz blickt hinter sich, auf das Stück Wald. Waldbild nennt er es. «Vor eineinhalb Jahren hat das hier ganz anders ausgesehen», sagt er. Fichten, Weisstannen und Buchen ragten damals in die Höhe, bestückt mit vielen, gesunden Blättern und Nadeln. Dann kam Burglind. Der Sturm wütete über Europa und riss grosse Löcher in die Waldlandschaft.

Zwei heisse und trockene Sommer folgten. Sie taten ihr Übriges. Viele der Bäume sind heute umgeknickt, ihr Holz morsch oder abgestorben; die Blätter verfärbt und verdörrt. «Ich habe mich lange gegen die Klimadiskussion beim Wald gewehrt», sagt Lutz. «Doch heute kommen wir nicht mehr drumrum.»

Werner Lutz ist Förster und Betriebsleiter der Forstverwaltung Suhr-Buchs. Der gebürtige Rheinland-Pfälzer und sein Team pflegen und bewirtschaften den Suhret-Wald, ein 650 Hektar grosses Revier mit den Teilen Suhret, Oberholz und Berg. Wohnquartiere und der Autobahnzubringer T5 begrenzen den Wald, die SBB-Linie teilt ihn in zwei Hälften.

Bei Buchsern, Suhrern und ihren Nachbarn aus der Region ist er als Naherholungsgebiet bekannt und beliebt. Davon zeugte auch der Besucherandrang am diesjährigen Waldumgang. An die 100 Personen sind gekommen – eine Topquote. Ausgestattet mit Cargohosen, festem Schuhwerk und grosser Neugier. Alle wollten sie wissen, wie es «ihrem» Wald geht.

Ein Zwischenhändler verkauft das Holz weiter nach China

Werner Lutz findet eine klare Antwort darauf: Es geht ihm nicht gut, dem «Suhret». Darin besteht für Lutz gar kein Zweifel. Naturkatastrophen, Borkenkäfer und Spätfrost plagen ihn, wie die meisten anderen europäischen Wälder auch. Für die Forstverwaltung Suhr-Buchs hat das Konsequenzen. Die Erträge aus dem Holzverkauf nehmen seit Jahren drastisch ab, der Markt ist gesättigt.

Ums Fällen kommen Lutz und seine Mitarbeiter trotzdem nicht herum. «Wenn eine Fichte befallen ist, müssen wir irgendwie versuchen, den Borkenkäfer aus dem Wald zu transportieren», erklärt Lutz. Dürre Bäume in der Nähe von Verkehrswegen dürften sie ebenfalls nicht stehen lassen. «Sie könnten kippen und zur Gefahr für Fussgänger und Autos werden.»

Vor Burglind hätte man am Kubikmeter Holz im Durchschnitt um die 75 Franken verdient. Heute ist es, zieht man die Kosten für Arbeit ab, ein Minusgeschäft. Manches Holz vertreibt die Forstverwaltung an einen Zwischenhändler, der die Ware weiter nach China verkauft. Glücklich ist Lutz mit dieser Lösung nicht. «Viel Geld machen wir damit nicht. Und wie ökologisch sinnvoll das Ganze ist, sei mal dahingestellt.»

Werner Lutz vertraut darauf, dass die Waldeigentümer, unter anderem die Ortsbürgergemeinden von Suhr und Buchs, einen «langen Schnauf» haben und mit den Verlusten umgehen können. Mit seinem Team tüftelt Lutz derweil an Lösungen, um die klamme Forstkasse aufzubessern.

Die Verarbeitung der Baumstämme zu Brennholz etwa haben sie bei der Forstverwaltung zu grossen Teilen an eine private Firma ausgelagert. Das spart Zeit und Geld für Personal und Maschinen. Daneben hat sich die Forstverwaltung noch weitere Standbeine aufgebaut. So erledigt sie etwa im Auftrag von Gemeinden, Kanton und Privatpersonen Unterhaltsarbeiten an Strassen, Wegen und Gewässern.

Und seit über einem Jahr bietet die Forstverwaltung zudem Waldbestattungen an. Für 5000 bis 12 000 Franken kann man sich unter einem einzelnen Baum begraben lassen, rund 800 Franken kostet ein Grab bei einem Gemeinschaftsbaum. Auch wenn der Tod ein trauriges Thema ist, sei das für die Angehörigen etwas Schönes, findet Lutz. «In der Natur finden die Verstorbenen zur Ruhe.» Die Nachfrage für Waldbestattungen sei hoch, sagt Lutz. Die Einnahmen aus dem Projekt, das «RuheWald» heisst, seien aber nicht ausschlaggebend für das Anbieten von Waldbestattungen.

 

Ein Vorschlag: so viele Bäume wie möglich pflanzen

Im Vordergrund steht bei Lutz weiterhin eine Aufgabe: das Pflegen und Bewirtschaften seines Waldgebiets. «Ich hätte niemals gedacht, dass die Walderhaltung mal einen so grossen Teil meiner Arbeit ausmacht», räumt Lutz ein. Lutz erklärt, dass der lokale Niederschlag in diesem Sommer im Suhret-Wald dafür gesorgt habe, dass sich der Zustand des Waldes nicht weiter verschlimmert hat. «Prekär ist die Lage aber immer noch. Und anspruchsvoll für uns», fügt er an. Eine Patentlösung, um mit der Situation umzugehen, habe noch kein Forstbetrieb gefunden. Es umtreibe sie alle die Frage, was man denn überhaupt künftig pflanzen solle.

Die Forstverwaltung Suhr-Buchs will darauf mit einer breiten Palette von Baumarten antworten. «Daran können wir sehen, welche Sorte mit den klimatischen Bedingungen am besten zurechtkommt.» Ein reichhaltiges Baumportfolio reiche aber nicht, um die Erhaltung des Waldes zu gewährleisten, sagt Lutz.

Es brauche politische Lösungen und finanzielle Hilfe für die Forstbetriebe. «Der Wald ist nicht einfach nur ein Holzacker», betont Lutz. «Wir nutzen und brauchen ihn zur Erholung. Das muss abgegolten werden. Der Wald muss uns wieder etwas wert sein.» Lutz ist zuversichtlich, dass in dieser Hinsicht ein Umdenken im Gange ist. Bereits nach Burglind sei die Solidarität riesig gewesen. Auch im Grossen Rat seien zuletzt immer wieder Vorstösse für die Unterstützung der Wälder eingegangen. «Ich glaube», sagt Lutz abschliessend, «die Politik hat ein offenes Ohr für uns.»